Frauen in Forschung und Entwicklung – Marga Faulstich

Glas prägte ihr Leben

Immer noch sind „Frauen und Technik“ gelegentlich Thema von platten Witzen, Vorurteilen und dummen Sprüchen. Arbeitsmarktservice und Wirtschaftskammer bemühen sich jedoch seit einiger Zeit sehr, Frauen technische Berufe schmackhafter zu machen.

Eine deutsche Glaschemikerin könnte vielen von ihnen als Vorbild dienen: Sie hat sich bereits in den 1940er-Jahren einen Namen gemacht – in der Forschung und Entwicklung von über 300 Typen optischer Gläser, als erste weibliche Führungskraft in der Glasindustrie und mit rund 40 Patenten: Marga Faulstich.

Von der Hilfskraft zur Wissenschaftlerin

44 Jahre arbeitete Marga Faulstich für die Schott Glaswerke und war maßgeblich an deren Entwicklung beteiligt. Dabei begann sie nach dem Abitur 1935 nur als wissenschaftliche Hilfskraft im Glaswerk Schott in Jena. Innerhalb weniger Jahre stieg sie zur Laborantin, Assistentin und schließlich zur Wissenschaftlerin auf. Und erwarb sich Anerkennung unter den meist männlichen Kollegen. Im Jahr 1975 kommentierte Faulstich den Beginn ihrer Tätigkeit: „Es hörte sich so glatt und einfach an und doch war es ein Auf und Ab, ein Kampf um Probleme und Menschen.“ Doch sie habe „Glück gehabt mit vielen Kollegen, die […] meine Stimme in der Männergesellschaft hörten“.

1942 begann sie, berufsbegleitend Chemie zu studieren, einen Abschluss verhinderte das Kriegsende: Jena befand sich nun in der sowjetischen Besatzungszone.

Zug der 41 Glasmacher

Da die westlichen Alliierten das Know-how der Jenaer Glasmacher für den Westen sichern wollten, übersiedelten sie 41 ausgewählte Spezialisten und Führungskräfte des Unternehmens in den Westen, darunter Marga Faulstich. Die damals 30-Jährige durfte Schwester, Mutter und Großmutter mit nach Westdeutschland nehmen.

Nach unsicheren Jahren gründeten die 41 Glasmacher schließlich das neue Glaswerk in Mainz, das 1952 eröffnet wurde. Marga Faulstich wirkte maßgeblich am Aufbau und an der Entwicklung neuer optischer Gläser mit, wodurch die Herstellung von hochwertigen Objektiven für Mikroskope oder Ferngläser ermöglicht wurde. Darüber hinaus leitete sie 16 Jahre die Tiegelschmelze, in der die besonders schwierig zu schmelzenden optischen Gläser gefertigt wurden. In den 1970er-Jahren entwickelte sie ein spezielles Brillenglas: Brillen wurden dadurch leichter und ästhetischer.

 

Faulstich arbeitete an der Entwicklung der „dünnen Schichten“ mit, die noch heute Grundlage für Sonnenbrillen, entspiegelte Brillengläser oder Glasfassaden sind.

Faulstich arbeitete an der Entwicklung der „dünnen Schichten“ mit, die noch heute Grundlage für Sonnenbrillen, entspiegelte Brillengläser oder Glasfassaden sind.

 

„Was man angefangen hat, muss man auch fertigmachen“

Das war laut ihrer Nichte die Devise von Marga Faulstich. Erich Schott lobte sie 1960, dass sie die Sonderschmelze „mit Erfolg und männlicher Energie“ leite. Damals schien es noch ungewöhnlich, dass eine Frau dies leisten könne. Anlässlich ihres 40. Betriebsjubiläums, 1975, lobte er ihr Engagement insbesondere für die Schulung junger Kollegen und ihre soziale Verantwortung. Nach ihrer Pensionierung stand sie dem Unternehmen bis 1984 als Beraterin zur Verfügung. Die Mitarbeiterzeitung von Schott schrieb 1995: „Dies war keine Quotenfrau, sondern eine wirklich ganz Große. Ihre Geistesblitze brachten Schott Millionen DM an Umsatz.“

 

Info

* 16. Juni 1915 in Weimar

1935 Arbeitsbeginn bei Schott Glas in Jena

1953–1969 Leiterin der Tiegelschmelze

1973 Anerkennung in den USA für Leichtgewichts-Brillenglas

1979 Ruhestand

+ 1. Februar 1998 in Mainz

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